Eine Geschichte von den Planeten,
von Johannes Kepler
und Regensburg.
... die Bremsen quietschen. Der Zug hält. Frauke und Jens springen auf den Bahnsteig. Regensburg. Hier wollen sie mit Papa und Mama ein paar Tage Urlaub machen. Koffer, Taschen, Tüten ausladen und los geht es in Richtung Bahnhofs-halle. Leute warten hier, lesen Zeitung, stehen herum. In der Mitte der Halle steht auch etwas herum. Ein Fußball auf einer Säule, findet Jens, nur rötlich. Daneben eine kleine Säule. Am Deckel steht: Deckel öffnen - Karte entnehmen. Jens versucht es. Eine Karte von Regensburg kommt, zum Vorschein. "Das ist gut" sagt Papa, "die können wir gut brau-chen. Aber kommt jetzt, ich will duschen." Das Hotel ist bald gefunden. Auspacken, frisch machen, neue Klamotten an-

ziehen. Die Sonne verschwindet hinter den Dächern und Frau-ke will jetzt endlich Abendbrot. Sie ziehen los. Lokal gefun-den, Essen bestellt. Jetzt warten. Da sagt Papa zu Jens: " Wo hast du denn die Karte?" Jens kramt in seinem Citybag. "Oh Gott" meint Frauke, "die sieht ja aus!" "Was steht denn drauf", meint die Mama. Papa liest: "Eine Geschichte von den Sternen ... und Regensburg." Dann murmelt Papa nur noch und alle sehen sich an. Als er fertig gelesen hat, sagt er: "Wißt ihr, was das heute im Bahnhof war? Dieser rötliche Fußball? Hier steht: Das war Jupiter. Er ist ein Planet." "Wie unsere Erde?" fragt Frauke. "Ja," sagt Mama, "stimmt!" Und Papa erklärt weiter: "Regensburg hat ein Planetenmodell gebaut und in seine Stadt gelegt. Diese Planeten kreisen alle um die Sonne, aber nicht irgendwie, sondern ganz ordentlich. Und wie das funktioniert, das hat ein Mann vor ca. 400 Jahren ausgerechnet Er heißt Johannes Kepler und lebte auch in Regensburg. Und da wir Menschen uns so große Zahlen nicht vorstellen können, haben die Regensburger etwas Tolles versucht. Sie haben gesagt, wir machen jetzt das, Kepler errechnet hat, mal klei-ner. Aber nicht 2 Mal, 10 Mal, nein, ganze 623 Millionen Mal

Frauke und Jens entdecken den Jupiter im
Regensburger Bahnhof

kleiner. Wieso? Na wartet mal": sagt Papa. "Wenn unser Jupiter nämlich 623 Millionen Mal kleiner ist, dann ist er gera-de so groß wie ein Fußball und würde so aussehen, wie in der Bahnhofshalle." "Und die Sonne?" fragt Frauke. "Ja, die Sonne", sagt Papa, "warte, die Sonne ist dann so groß wie wir beide, wenn du auf meinen Schultern sitzt; 2,20 m hoch." "Puuuuh", meint Jens, "ist die auch irgendwo?" "Ja", sagt Papa, "seht mal, im Stadtplan, hier ist alles einge-zeichnet. Die Sonne liegt am Neupfarrplatz. Und unser "Jupi" kreist mit 1250 m Abstand um diesen Neupfarrplatz. " Alle lachen. "Um die Sonne natürlich", grinst Papa. "Und die Erde?" will Mama wissen."Ja, die Erde", sagt Papa (er kommt
sich ziemlich gut vor), "die Erde, ist dann so groß, wie eine Kirsche." "So klein wie eine Kirsche?" fragt Frauke zweifelnd. Papa nickt und liest weiter "und kreist mit 240m Abstand über dem Haidplatz, dem alten Kornmarkt, und dem Vier Eimer Platz in der Fußgängerzone. Und stellt euch vor", meint Papa, "was denkt ihr, wie groß ist dann der Mond? Also, wenn die Erde so groß ist wie eine Kirsche, dann ist unser Mond so groß; wie eine Erbse." "Hihi", kichert Jens, "so groß wie Frauke's Gehirn!" Frauke wird ganz zornig:. "Du, du bist..."."Streitet nicht und kommt, wir wollen ein wenig um die Häuser zieh'n!" Mama ist eben eine Diplomatin. Und was sie alles entdecken: Stadtburgen und Patriziertürme. Eng werden die Gassen und immer schmaler der Himmel darüber. "Die Erde, die blaue Erde!" Frauke springt in die Luft und fuchtelt mit beiden Armen. "Was ist denn?" fragt Mama erschreckt, dann sehen sie sie. Klein und blau schwebt sie über dem Haidplatz. "Kommt,", sagt Papa, "wir setzen uns mal und lassen sie auf uns wirken." Alle werden ganz nachdenklich, weil sie so klein ist, und Frauke's Stimme wird ganz zärtlich. "Also, wenn wir hier wohnen würden, dann könnte ich ihr eine kleine Mütze häkeln. Für den Winter, damit sie nicht friert." Jetzt liest Mama das Faltblatt: Von Saturn mit seinem Ring, der seine Kreise zieht vom Kran-
Die "blaue Erde" am Haidplatz
kenhaus der Barmherzigen Brüder nach Königswiesen, weiter über das von Müller Gymnasium hin zum Campus der Univer-sität, über Nibelungen Kaserne und Albert Schweizer Realschule seinen Kreis schließend. Sie erfährt von Pluto über der Walhalla und daß der nächste Stern immer noch 65 000 km entfernt ist. Als Mama dann noch von der Lichtgeschwindigkeit liest, daß auch diese hier 623 Millionen Mal langsamer ist, sagt sie: "Stellt euch mal vor, wenn wir jetzt von dieser Sonne am Neupfarrplatz zur Erde hier gehen und es ganz langsam machen, dann könnten wir das Licht spielen. Es sind 240 m und wir müßten 8 Minuten brauchen." "In den Ferien auch noch rechnen", stöhnt Jens. "Das sind", murmelt Papa "240 m geteilt durch 8, das sind 30 Meter in der Minute Lichtgeschwindigkeit! Oder, er murmelt wieder vor sich hin: "50 cm in der Sekunde", streckt den Zeigefinger aus und fährt waagrecht durch die Luft. Sooo, seht mal, das ist vielleicht so schnell, wie ein Glüh-würmchen fliegt." Jetzt wußten sie es. So langsam ist das Licht
Das Faltblatt aus der Rundbox

zwischen den Planeten in Regensburg unterwegs. Ein Eis essend gehen sie nach Hause. Zähneputzen, Gesicht- und Händewaschen. Gute-Nacht-Kuß. "Du, Mama", fragt Frauke und zieht sich die Decke bis zum Hals. "Gehen wir morgen zur Sonne?" "Da kommen wir bestimmt vorbei", verspricht Papa. Frauke sieht sie schon vor sich. "Eine Sonne, so groß wie Papa mit mir auf den Schultern" murmelt sie und hört Jens noch scheinheilig fragen: "Ob die wohl auch so hell ist wie unser Papa?" Und alle lachen.
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... die Regensburger Sonne